Presse - Anti-Geiselnahme-System einsatzbereit

Der Bopparder Notarzt Helmut Hermann, im Nebenberuf bei der Firma Schell Security als Ausbildungsleiter tätig, erhebt einen schweren Vorwurf: Alfred Herrhausen hätte gerettet werden können, wenn sofort nach dem Attentat auf den DeutscheBank-Chef medizinische Helfer zur Stelle gewesen wären.

Hermann stützt sich auf einen ärztlichen Befund, der von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe bestätigt wird. Danach verblutete Herrhausen infolge einer Wunde am rechten Oberschenkel. Rußpartikel in der Lunge zeigten, daß der Banker nach dem Attentat noch kurz gelebt hätte. Wären die Personenschützer des Bankchefs als Rettungssanitäter ausgebildet gewesen, hätten sie die Wunde abbinden und den Tod verhindern können, folgert Hermann. Andere Sicherheitsunternehmen widersprechen ihm. Sie verweisen auf den Schock und das Ausmaß der Verletzungen. Danach sei Herrhausen nicht mehr zu retten gewesen.

Die Deutsche Bank geht allerdings auf Nummer Sicher: sie will jetzt Personenschützer bei Schell schulen lassen. Damit folgt sie der Ansicht Hermanns, der den Mangel an medizinischer Vorsorge bei den gängigen Personenschutzkonzepten beklagt. Hermann: "Es ist ein Skandal, daß bis heute keine ernstzunehmenden Vorkehrungen für erste medizinische Hilfe nach Attentaten getroffen werden."

Die Konsequenzen der Deutschen Bank bleiben vorerst die Ausnahme. Die meisten deutschen Unternehmen sind nach dem Mord schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen, obwohl "die Bedrohungssituation", so Leo Schuster, Leitender Kriminaldirektor im Bundeskriminalamt (BKA), "nachhaltig anhält". Es habe zwar "zunächst eine verstärkte Reaktion bei den Unternehmen gegeben", resümiert Gottfried Wittmann, Geschäftsführer des Münchner Sicherheitsunternehmens Spor, Sicherheit, Perfektion, Organisation auf Rädern GmbH, das sei dann aber "ganz schnell wieder in den Sand gegangen".

Grundlegend neue Erkenntnisse haben sich aus dem Herrhausen-Mord nicht ergeben. Schon seit langem ist klar. daß regelmäßige Autofahrten zwischen Haus und Arbeitsplatz für potentielle Opfer besonders gefährlich sind. Das bekannte Fazit, das auf einer Experten-Tagung jetzt in Bonn wieder revitalisiert wurde: Die Fahrtrouten müssen so oft wie möglich gewechselt und akribisch überwacht werden.

Die Realität im Fall Herrhausen war anders. Obwohl das Privathaus des Bankers und seine Umgebung als besonders brisanter Bezirk gelten mußten, konnten die Terroristen unbehelligt die Bombe zünden. Das eigens für Attentate dieser Art vom BKA entwickelte Fahndungskonzept K106 erwies sich ebenso als wirkungslos wie die Vorkehrungen der Deutschen Bank. Sicherheitsberater führen dies auf den Gewöhnungs und Ermüdungseffekt zurück, der vor dem Mord an Herrhausen eingetreten war: Vor dem Anschlag war lange Ruhe an der Terrorfront.

Die offenkundigen Observationsmängel gaben den Experten allerdings Anlaß, über Berufsbild und Funktion der Personenschützer neu nachzudenken. Offensichtlich ist der Personenschützer herkömmlichen Stils überfordert, und das gilt nicht nur für medizinische Notfälle.

Vorwiegend kommen Personenschützer bislang aus Bundeswehr, Grenzschutz und Polizei. Bewacher mit dieser Vorbildung verstehen es zwar, mit der Waffe umzugehen. Dies war bei Attentaten jedoch nie gefragt. Was vielen Bodyguards dagegen abgeht. ist die Fähigkeit zu sorgfältiger Aufklärung und Früherkennung, die einen Anschlag wie den auf Herrhausen hätte verhindern können. "Der Personenschützer der Zukunft muß mehr Fähigkeiten in der Gegenobservation, der Situationsanalyse und der Gefahrenerkennung und Gefahrenvermeidung entwickeln", folgert der Sicherheitsberater Rainer A. H. von zur Mühlen.

Diese Erkenntnis hat sich offenbar auch bei der Bonner Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft durchgesetzt. "Unsere Schulung zielt darauf, daß Bewacher ausgefuchste Observierer werden", sagt ihr Geschäftsführer Georg Pohl. Klaus-G. Leiner, Sales Manager des Sicherheitsunternehmens Control Risks, versucht es deshalb auch mit Leuten, "die im nachrichtendienstlichen Sinne geschult sind".

Ein Problem wird dadurch aber nicht leichter - im Gegenteil: Viele Manager lehnen aufdringliche Bewachung ab. "Es ist nicht schön, wenn ein Personenschützer sogar ins Klo mitgehen soll", so ein Sicherheitsberater. Viele Manager haben auch wenig Lust, in einem gepanzerten Wagen zu fahren. "Wer setzt sich schon gern in einen Tresor?" fragt der Münchner Sicherheitsberater Wittmann.

Sein Kollege Schell kritisiert besonders, daß bei den Wagen, die bisher gefahren wurden, die Seitenscheiben heruntergelassen werden können. Dies beeinträchtige die Stabilität des Fahrzeugs.

Der Anschlag auf Herrhausen hat zudem gezeigt, daß die gängigen Wagen gegen Bomben nicht gefeit sind. Das schwäbische Spezialunternehmen Apprich & Partner entwickelt daher derzeit einen gepanzerten Mercedes 560 SEL neuen Typs. Dieser Wagen soll auch größeren Bomben standhalten. Nur die Scheibe auf der Fahrerseite ist noch versenkbar. Drei Unternehmen haben bei Apprich bereits geordert.

Solche Fahrzeuge gehen bös ins Geld. Schon heute kostet der Schutz eines Managers jährlich etwa eine Million Mark. Viele Unternehmen stellen sich da die Frage, für wie viele Manager sie sich diesen Aufwand leisten können. Die Zielobjekte der Terroristen sind ohnedies unklar.

In der Vergangenheit haben die Terroristen sowohl Toprepräsentanten aus Wirtschaft und Verwaltung wie auch weniger bekannte, aber symbolträchtige Personen als Opfer gewählt. Das erschwert die Einschätzung der Lage. Es sei zu überlegen, so Georg Pohl im Blick auf die Kosten, "ob man sich nicht überhaupt auf das Toptopmanagement beschränken soll."

Unsicher ist auch, welche Branchen und Unternehmen der RAF gerade als Symbole für Kapitalismus und Imperialismus gelten. Im Visier der Rote-Armee-Fraktion und der Roten Zellen sind nach Einschätzung von BKA-Mann Schuster vorwiegend die Rüstungs- und Atomindustrie sowie Unternehmen, die in der Mikroelektronik und der Gentechnologie arbeiten.

Jüngstes Indiz für die Zielrichtung der Terroristen ist der Anschlag auf die Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke AG (RWE), wo Anfang Februar vor der Hauptverwaltung ein Sprengsatz detonierte. Im Visier der Terroristen war auch die Shell AG. Terroristen aus der Bundesrepublik und mehreren westeuropäischen Ländern werfen Shell die Unterstützung des Apartheidsystems in Südafrika vor. "Shell go to hell, mit Brandsatz geht's schnell", so das Kampfblatt "radikal", das seitenlang Tips für Bombenanschläge und Attentate liefert.

Der Kreis der bedrohten Unternehmen ist jedoch keineswegs stabil. So ist Shell nach Einschätzung eines Szene-Kenners für die Terroristen vielleicht schon wieder uninteressant geworden, nachdem der schwarze Südafrikaner Nelson Mandela freigelassen worden ist. Dafür könnte die RAF jetzt ganz neue Feinde haben, zum Beispiel Unternehmen, die sie für eine "imperialistische Vereinnahmung des Ostblocks" verantwortlich macht. BKA-Mann Schuster: "Wir wissen nicht, wann gegen wen der nächste Anschlag sein Wird."

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